Die Zeiten ändern sich schnell, sowohl gesellschaftlich gesehen wie auch privat, zumindest wenn man wie wir von einer Ataxie heimgesucht ist. Zur Jugendzeit habe ich es geliebt, handschriftliche Briefe und Karten zu schreiben; meine Handschrift war schön, ich kaufte und sammelte besonders schöne Karten oder Briefpapier (handgeschöpft aus Florenz – SMILE!) und die Weihnachtszeit war für mich auch dadurch besonders, ich nahm die Feiertage und den Jahreswechsel zum Anlass, mich bei vielen alten Bekannten zumindest das eine Mal im Jahr zu melden.
Die Freude erweiterte sich, als ich meinen Mann kennenlernte, denn er interessierte sich für Briefmarken und hat über die fast vierzig Jahre, die wir nun zusammen sind, stets besonders schöne oder anlassgebundene Briefmarken benutzt. So wurden die Geburtsanzeigen für unseren Sohn (wie die Einladungen zur Taufe) mit Kinderbriefmarken versehen und alte Freunde aus Dänemark erzählen noch heute, welche Freude und Vorahnung es für sie war, eine deutsche Kinderbriefmarke im Briefkasten zu sehen. Geburtstagsbriefe werden mit vielen Blumenbriefmarken in kleinen Werten, damit sie viel Platz einnehmen, ausgestattet und die Weihnachtspost bekommt andere passende Marken.
In dem Zusammenhang gibt es ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde, aber als Anlass sehe, nie vorschnell mit Be- oder Verurteilungen zu sein. Vor Jahren gab es eine ganze Weile regelmäßig Post, fein säuberlich im Schuppen hingelegt anstatt im Briefkasten, wo auch keine Mitteilung diesbezüglich zu finden war. Wir ärgerten uns, und ich beschloss, die Postbotin darauf anzusprechen. Glücklicherweise habe ich gefragt, wie es so käme, anstatt sie zu beschimpfen, denn die Antwort war schon sehr anders als vermutet. Als erstes meinte sie, wir würden ja immer Post bekommen, und wenn der Briefkasten leer sei, dann läge sie in unserem Ablageort für Päckchen. Zweitens sei es mittlerweile so traurig, Postbotin zu sein, man würde nur Werbung und Rechnungen ausliefern und damit keine Freude verbreiten. Ganz anders bei uns, wir würden noch richtige Briefe in schönen Kuverts mit schönen Briefmarken erhalten, sogar manchmal vom Ausland. Dies würde sie so freuen, sie erlaube sich – in der Annahme wir würden dies erlauben – im Auto die Briefe richtig anzuschauen und sich darüber freuen! Im Schuppen würden sie liegen, weil hier trotz allem mehr Schutz geboten wurde. Da wurde ich ganz klein mit Hut; NIE hatte ich auch nur einen Gedanken darauf verwendet zu überlegen, wer unterwegs in Verbindung mit der Post käme, und dass diese Menschen natürlich auch Gefühle haben.
Zurück zum Thema: Gratulationen, Briefe & Co. verschicken. Je mehr sich die Erkrankung ausbreitete, je mehr „Tipps & Tricks“ fand ich, um meine Freude zu bewahren, z.B. sehr, sehr frühzeitig mit der Weihnachtspost anfangen, damit nur eine Karte pro Tag zu schreiben war oder ein Stempel mit der Absenderadresse, damit diese nicht geschrieben werden muss. Natürlich waren es keine dauerhaften Lösungen, vielmehr fing ich an, die eine oder andere Empfängerin still und heimlich auszusortieren.
Eines Jahres erhielt ich dann eine zauberhafte, elektronische Karte von einem kanadischen Contergan- geschädigten Freund zum Geburtstag. Natürlich hätte der Abstand zu Kanada gereicht, um eine E-card zu schicken statt altmodischer Luftpost, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dann diese Möglichkeit so deutlich vor Augen gehabt hätte. Jedenfalls entschied ich mich sofort, bei dem gleichen Anbieter ein Abonnement abzuschließen (https://www.bluemountain.com/) und finde dort passende Karten für alle möglichen Zwecke und alle verschiedenen Personen. Mit meinem gemischt nationalen Hintergrund und Englisch in Dänemark als geläufige Sprache, war die Wahl einfach. Für Deutsche nicht so Englisch-Kundige gibt es Karten fast ohne Text („Happy Birthday!“) und vor allem bestimmt sehr viele andere Anbieter.
Viele Karten machen mir Freude zu entdecken und einige Freunde lachen sich regelmäßig darüber kaputt, denn wenn ich deren Humor kenne, habe ich ja die Zeit, um zu suchen und finden. Vor allem schreibe ich wieder unheimlich gern Gratulationen, anstatt mich darüber zu grämen, mittlerweile eine Handschrift zu haben, bei der selbst mein Mann es vorzieht, ausgedruckte Einkaufslisten zum Ankreuzen zu haben, anstatt mein Gekritzeltes deuten zu müssen.
Bei der Weihnachtspost haben wir eine andere Lösung gefunden, die wir jahrelang schlicht nicht hinbekommen haben, nun aber sein muss und auch wird: Fotokarten mit gedrucktem Text. Es ist meine Aufgabe beim Dienstleister rechtzeitig die Karten zu gestalten und in den Druck zu geben, mein Mann muss dann nur die vielen Adressen schreiben.
Ab und an zuckt mein Herz immer noch traurig zusammen, wenn ich besonders schönes Briefpapier oder Karten sehe, aber es hilft ja nix. Zum Schluss habe ich ein Beispiel ausgesucht (https://www.bluemountain.com/ecards/encouragement/butterfly-encouragement/card-3514677), das ganz gut illustriert, was ich meine. Verstehen Sie das Englische nicht, wobei man eigentlich den Text gar nicht zu verstehen braucht. Die Botschaft kommt auch so gut rüber, dann empfehle ich entweder das Übersetzungsprogramm von Google (https://translate.google.com) oder DeepL (https://www.deepl.com/de/translator).
Gurli
Zum Thema Lebensfreude – Gratulation - habe ich auch schon einiges ausprobiert.
Für mich sind viele Formen praktikabel, das Wichtigste ist: Sie kommen von Herzen.
Im nächsten Fundus greifen wir das Thema „Blumen“ auf. Es wäre schön, Erfahrungen / Gedanken von euch mit einzuplanen. Schreibt an fundus@ataxie.de und füllt das Thema „Lebensfreude“ mit „Leben“.
Marina
Und noch eine Geschichte – von Genia
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen sagt man blieben darunter verborgen und dann
würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein.“
Reinhard Mey
Der Liedtext gibt einen kleinen Ausdruck dessen, worüber ich schreiben will.
Aber zunächst möchte ich euch an meinen zähen, mühseligen Gedanken und Denkschleifen teilhaben lassen (Schreiben ist wahrhaftig nicht leicht!).
Anstelle eines Vorwortes: Ich habe sinniert – typisch norddeutsch.
- Ich gratuliere …mir, dir, ihr, ihm, euch, ihnen, uns, … Ihnen
- Du gratulierst zum Geburtstag, zur Taufe, zur Hochzeit, zur Trennung
- Sie gratulieren zu der bestandenen Prüfung, zum Lottogewinn, zum Sieg
- Er gratuliert zum Sieg, zum neuen Auto, zum Bootsführerschein, zur Mitgliedschaft
- Sie gratulieren zum Jubiläum, zur goldenen Konfirmation, zur neuen Niere
- Wir gratulieren, weil wir es wollen, weil wir es müssen, weil es erwartet, wird
- „Na, gratuliere!“ musste das sein?
Was hat das Thema „Lebenslust“ mit dem Aspekt des Gratulierens zu tun?
Gratulationen werden so beschrieben: ein „regelhafter, institutionalisierter Akt,“ der – je nach Grad der Beziehung aus Karte, Urkunde, Händeschütteln, umarmen oder küssen besteht.
Eine nicht-formelle Gratulation stellt sich anders dar. Gefühle dominieren: Liebe, Warmherzigkeit, Wertschätzung, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht für eine gelingende Zukunft. Darüber kann ich - wie eingangs angedeutet - eine Geschichte erzählen:
Mein Mann und ich haben sieben Enkelkinder, die Erstgeborene ist mittlerweile neunzehn Jahre alt und hat im Jahr 2025 ihr Abitur erfolgreich abgeschlossen. Mehrere Faktoren haben dieses Ziel unwahrscheinlich werden lassen, zwei Jahre Corona wurden zu einem Ballon mit vielen Problemen. Bedingungslose Liebe von Eltern und Großeltern wirken vielleicht im Hintergrund, führen aber leider nicht automatisch zu bestandenen Klausuren. Dieses großartige Mädchen hat sich gegen alle Widrigkeiten gestemmt und alle Kraft darauf verwendet, dass sie das Ziel Schulabschluss erreicht – und hat es wirklich geschafft! Die Gratulation fiel entsprechend aus: Glückstränen, lang andauernde Umarmungen, Liebe, Erleichterung und die allerbesten Wünsche für ihr Leben.
Mein Mann und ich wollten ihr eine bleibende Erinnerung schenken und haben mit ihr einen Rundflug über das norddeutsche Wattenmeer und die Halligen gemacht.
Ein traumhafter Flug bei Sonnenschein, blauem Himmel mit barocken Wolken, weitem Horizont, magischen Farben und kleinen Halligen, deren Schutzbedürftigkeit aus der Vogelperspektive mehr als deutlich wurde. Der eingangs zitierten Liedtextes
„… alle Ängste, alle Sorgen sagt man blieben darunter verborgen und dann
würde was uns groß und wichtig erscheint
plötzlich nichtig und klein …“ ließen die Anstrengungen, die Probleme, die Ängste der vergangenen Monate nichtig und klein erscheinen. Angesichts der Schönheit der Landschaft wandelt sich die Last zur Freiheit und zur Lebenslust!
Das Wattenmeer mit seinen Gezeiten und ständigen Veränderungen ist eine Metapher für das Leben im Allgemeinen. Manches bleibt an einem Menschen verborgen. Wir sehen eine Oberfläche und nur manchmal auf den Grund. Leben bedeutet Veränderung. Vom Neugeborenen bis zu einer erwachsenen jungen Frau.
Die Enkelin konnte sich angesichts ihres Erfolges selbst gratulieren, wir gratulierten ihr – und uns, dafür, dass es sie gibt!
Was für ein Geschenk!
Nicht der Rundflug, sondern dieses wunderbare Menschenkind!
Genia