Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer
Merken Weiterempfehlen

Eigentlich hatte ich für diesen Sommer eine große Tour nach Dänemark geplant. Die Strecke war vorbereitet und die Vorfreude war riesig. Leider wurde unser rollstuhlgerechtes Wohnmobil nicht rechtzeitig geliefert. Dadurch musste ich umplanen.

Also stellte ich mir die Frage: Was könnte ich stattdessen für ein verrücktes Projekt machen?

Die Antwort kam ziemlich schnell: Warum nicht den kompletten RuhrtalRadweg in 24 Stunden fahren?

Die Idee hat mich sofort gepackt. Rund 240 Kilometer von der Ruhrquelle in Winterberg bis zur Mündung der Ruhr in Duisburg. Mein Plan war klar: morgens um 9 Uhr starten und 24 Stunden später am Ziel ankommen.

Aus der ursprünglichen Idee für eine große Fahrradtour wurde ein neues Abenteuer, auf das ich mich genauso gefreut habe.

Unterwegs war ich mit meinem Liegerad von Hase Bikes, einem Kettwiesel Cross. Für mich ist dieses Fahrrad nicht einfach nur ein Sportgerät. Es bedeutet Freiheit, Selbstständigkeit und die Möglichkeit, trotz meiner Friedreich-Ataxie aktiv unterwegs zu sein.

Durch meine Erkrankung brauche ich ein Fahrrad, das mir Sicherheit gibt und trotzdem lange Strecken ermöglicht. Mit meinem Kettwiesel Cross habe ich genau das gefunden. Es passt perfekt zu meinen Bedürfnissen und begleitet mich schon seit Jahren.

Das Kettwiesel Cross mit seiner Delta-Bauweise ist für mich die beste Lösung. Es gibt natürlich auch andere Liegerad-Varianten, zum Beispiel sogenannte Tadpole-Trikes mit zwei Vorderrädern und einem Hinterradantrieb. Für mich sind diese aber deutlich schwieriger. Der Wendekreis ist größer und auch das Aufsteigen ist für mich komplizierter.

Der Grund für die Tour war aber nicht nur die sportliche Herausforderung.

Gemeinsam mit meiner Frau betreibe ich den Instagram-Account activewheels.ios. Mit diesem Account möchten wir zeigen, dass Rollstuhl nicht gleich Stillstand bedeutet.

Wir möchten Menschen mit Handicap Mut machen, neue Dinge auszuprobieren und eigene Ziele zu verfolgen. Wir wollen zeigen, was mit einem Rollstuhl möglich ist, über Aktivitäten informieren und dabei auch mit Humor und Lebensfreude ein anderes Bild von Behinderung vermitteln.

Ein weiterer wichtiger Punkt für mich ist, auf Friedreich-Ataxie aufmerksam zu machen. Ich selbst lebe mit dieser seltenen neurologischen Erkrankung, die bis heute als unheilbar gilt. Durch solche Projekte möchte ich mehr Aufmerksamkeit für diese Erkrankung schaffen und damit auch die Forschung unterstützen.

Dass solche Projekte Menschen erreichen können, habe ich durch diese Tour deutlich gemerkt. Als ich angekündigt habe, dass ich den RuhrtalRadweg in 24 Stunden fahren möchte, ist unser Instagram-Account von etwa 700 auf mittlerweile über 3.600 Follower gewachsen.

Das motiviert mich sehr. Es zeigt mir, dass solche Geschichten Menschen erreichen und vielleicht auch anderen Mut machen können.

Die geplante Dänemark-Tour ist übrigens nicht abgesagt. Sie ist nur verschoben. Im nächsten Jahr möchte ich diese Tour nachholen und von mir zu Hause bis nach Dänemark fahren. Die Strecke wird ungefähr 630 Kilometer lang sein.

Damit die 24-Stunden-Tour funktionieren konnte, war eine gute Vorbereitung wichtig.

Ich habe in den Wochen davor viel trainiert. Ich bin während der Reha, im Urlaub und im Alltag viele Kilometer gefahren und habe längere Strecken ausprobiert. Natürlich ist die körperliche Vorbereitung wichtig. Aber ich glaube, die mentale Stärke ist mindestens genauso entscheidend.

Man muss an sich glauben und sich Dinge zutrauen. Denn oft schafft man mehr, als man vorher denkt.

Auch die Organisation war ein wichtiger Teil des Projekts. Ich habe die komplette Strecke mit Komoot geplant, damit ich gerade nachts nicht auf die Beschilderung angewiesen bin. Außerdem habe ich meine Verpflegung vorbereitet, eine Drei-Liter-Trinkblase besorgt, Elektrolytgetränke eingeplant und eine Tasche für die wichtigen Dinge unterwegs vorbereitet.

Ich wollte außerdem immer wieder über Instagram live gehen, damit die Menschen die Tour direkt begleiten können. Dafür hatte ich mir sogar extra ein Mikrofon bestellt. Die Idee war gut, aber technisch hat es am Ende nicht ganz so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Gute Organisation ist schon die halbe Miete.

Mindestens genauso wichtig wie die Vorbereitung war aber die Unterstützung von anderen Menschen.

Ohne meine Frau und meine Eltern wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Sie haben mich vorbereitet, begleitet und waren während der gesamten Tour für mich da.

Auch die Unterstützung durch den Friedreich-Ataxie-Förderverein war unglaublich wertvoll. Mehrfach waren Menschen vom Verein an der Strecke, haben mich angefeuert und sich mit mir über jeden erreichten Abschnitt gefreut.

Das war ein unglaublich schönes Gefühl. Zu wissen, dass Menschen mitfiebern und hinter einem stehen, gibt unglaublich viel Kraft.

Besonders beeindruckt hat mich auch, wie viele Menschen über Instagram auf das Projekt aufmerksam geworden sind. Teilweise waren es Menschen, die ich vorher gar nicht kannte. Trotzdem sind sie an die Strecke gekommen oder haben mich ein Stück begleitet.

Am 5. Juli 2026 um 9 Uhr ging es dann endlich los. Ich bin an der Ruhrquelle in Winterberg gestartet.

Viele Menschen konnten über den Livestream verfolgen, wie ich vorbereitet wurde, mein Fahrrad fertig gemacht habe und schließlich die ersten Meter gefahren bin.

Vor der Nacht hatte ich den größten Respekt. Nicht unbedingt wegen der Strecke, sondern weil ich noch nie eine komplette Nacht mit dem Fahrrad unterwegs gewesen bin.

Im Nachhinein muss ich sagen: Genau diese Nacht war einer der besonderen Momente der Tour.

Mit der Beleuchtung meines Liegerads konnte ich richtig gut sehen. Es fühlte sich fast wie Fahren mit Fernlicht an. Die Straßen und Fahrradwege waren leer. Es war ruhig. Ich konnte meinen eigenen Rhythmus finden und einfach fahren.

Natürlich lief nicht alles perfekt.

Eine große Herausforderung war ein Weidetor in Hattingen. Mit meinem Kettwiesel Cross kam ich dort nicht durch. Ich war auf die Hilfe meiner Frau angewiesen, die mich aus dieser Situation herausgeholt hat.

Danach kamen noch weitere ähnliche Stellen. Dadurch verlor ich viel Zeit und musste die Strecke ändern. Am Ende waren es deshalb nicht die geplanten 240 Kilometer und auch die 24 Stunden habe ich knapp überschritten.

Für mich zeigt diese Situation aber etwas Wichtiges: Oft ist nicht die Behinderung das eigentliche Problem, sondern die fehlende Barrierefreiheit.

Eine Strecke kann für viele Menschen problemlos funktionieren. Für andere kann ein einziges Tor plötzlich zu einer großen Herausforderung werden.

Genau diese Situation haben wir am Abend nach der Tour in einem Reel auf Instagram mit einem kleinen Augenzwinkern gezeigt.

Und dieses Video hat eine unglaubliche Reichweite bekommen. Es wurde mittlerweile über 900.000-mal angesehen und über 4.000-mal geliked.

Natürlich gab es auch negative Kommentare. Manche Menschen haben geschrieben, ich hätte besser aufpassen müssen oder wäre selbst schuld.

Damit gehe ich heute sehr entspannt um. Ich muss mich dafür nicht rechtfertigen. Viel wichtiger ist für mich, dass dadurch noch mehr Menschen auf Friedreich-Ataxie, Inklusion und Barrierefreiheit aufmerksam werden.

Körperlich war die Tour ebenfalls eine Herausforderung. Zweimal hatte ich Kopfschmerzen und musste eine Tablette nehmen. Die größte Herausforderung war aber nicht unbedingt das Fahrradfahren selbst.

Es war der Moment, in dem der Körper merkt: Eigentlich wäre jetzt Schlafenszeit.

Die Nacht durchzufahren und den eigenen Rhythmus zu verändern, war eine ganz neue Erfahrung.

Als ich schließlich die letzten Kilometer Richtung Ziel gefahren bin, waren im Livestream immer mehr Menschen dabei. Ich habe immer wieder gesagt, wie weit es noch ist, und gemerkt, wie viele Menschen mitgefiebert haben.

Die Ankunft an der Ruhrmündung war dann einfach überwältigend.

Die vielen Glückwünsche und Nachrichten haben mich sehr berührt. Ich war unglaublich glücklich, aber auch komplett fertig.

Im Auto danach saß ich einfach nur noch da und konnte kaum noch etwas machen. Es war nicht so, dass meine Beine komplett erschöpft waren. Ich war einfach müde und brauchte Schlaf.

Erst nach dem ersten Schlaf habe ich gemerkt, was mein Körper eigentlich geleistet hatte. Die schweren Beine kamen erst danach und werden mich wahrscheinlich noch einige Tage begleiten.

Am Ende bin ich unglaublich stolz auf diese Tour.

Natürlich war nicht alles genau so, wie ich es geplant hatte. Aber genau darum geht es auch nicht.

Wichtig ist, dass man es versucht.

Ich hätte mich viel mehr darüber geärgert, wenn ich diese Herausforderung gar nicht erst angenommen hätte.

Die wichtigste Botschaft, die ich mit dieser Tour weitergeben möchte:

Rollstuhl ≠ aktivlos 

Man sollte sich nicht von Anfang an Grenzen setzen. Man sollte Dinge ausprobieren und sich auch mal verrückte Ziele setzen.

Nicht immer läuft alles nach Plan. Aber wenn man an sich glaubt und mental stark bleibt, ist oft viel mehr möglich, als man vorher gedacht hat.

Diese 24 Stunden auf dem RuhrtalRadweg waren deshalb viel mehr als nur eine Fahrradtour. Es war ein Zeichen dafür, dass trotz Friedreich-Ataxie, trotz Rollstuhl und trotz Hindernissen noch unglaublich viel möglich ist.