Lebensfreude trainieren in kalten Zeiten
Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein und das, nachdem wir Menschen in der „Westlichen Welt“ uns trotz Eurokrise und COVID daran gewöhnt hatten, wie schön und problemlos das Leben doch sei. Als gelernte Historikerin war mir einerseits stets bewusst, dies sei ein außergewöhnlicher Glücksfall, gänzlich atypisch für die Geschichte. Andererseits schien der Vormarsch der „Regelbasierten Weltordnung“ seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Wiedervereinigung und dem Zusammenhalt innerhalb Europas sicher verwurzelt. Das Paradies war so schön!
Natürlich waren weder die „Vereinten Nationen“ perfekt mit deren vielen Unterorganisationen noch die EU. Sehr viel Anderes auch nicht, aber obwohl es kleine Dellen von Rückwärtsbewegungen gab (Orbán lässt grüßen) lebten wir selbstverständlich im Schlaraffenland.
Der Mensch ist offenkundig vor allem bequem und vergesslich. Heute, nur drei Jahre nach Putins Invasion in der Ukraine und ein Tag nach dem Eklat zwischen Trump und Selensky (ein anderes Trump-Beispiel hätte auch gepasst) im Weißen Haus, scheint gar nichts mehr sicher. Obendrauf ist das westfälische Wetter vor allem trüb und grau, selbst das Essen schmeckt nicht mehr; das Leben ist ein Jammertal. So jedenfalls ist es überall und von allen zu hören. Letztlich hat man auch eigene Probleme und weitere vielleicht in der Familie oder im Freundeskreis. Das stimmt ja auch alles und doch ist niemals etwas besser nur vom Jammern geworden.
Ab und an gehen mein Mann und ich in die (evangelische) Kirche, regelmäßig am 31. Dezember zum sog. „Altjahres-Gottesdienst“. Diesmal sprach unser geliebter Pfarrer davon, das neue Jahr – obwohl noch nicht angefangen - täte ihm schon leid; keiner erwartet was Schönes oder Gutes, keiner verbindet irgendeine Hoffnung damit. Umgekehrt fürchten alle die Zukunft, alle haben Angst. Es stimmt, sofort erinnerte ich mich an zig Treffen während der letzten Monate, bei denen das Gespräch sich ganz selbstverständlich auf die vorhin genannten Themen konzentrierte. Alle haben wir uns gegenseitig vergewissert, wie schlimm die Lage sei. Wir saßen erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange, die wiederum gar nichts tun musste; die Angst war schon da.
Menschen sind sehr verschieden; dem einen ist es gegönnt, sich relativ leicht von äußeren Ereignissen zu distanzieren, dem anderen nicht. Eine neigt ohnehin zur depressiven Stimmung; ein anderer hat keine Ahnung, wovon derjenige spricht. Die Unterschiede sind einerseits unendlich, andererseits gibt es glücklicherweise Forschung, die sich mit dem Verbindendem beschäftigt, darunter auch die Frage, wie die allermeisten Menschen zum Wohlfühlen gebracht werden und sogar, wie man uns dabei helfen kann, dies selbst zu trainieren. Es handelt sich natürlich um einen Teilbereich der Glücksforschung.
Forscher haben in 26 verschiedenen Ländern insgesamt über 2.600 Geschichten gesammelt, die aussagen, in welchen Situationen die Befragten sog. „Ehrfürchtiges Staunen“ (Englisch: „awe“) erlebten, weil es bereits nachgewiesen ist, den allermeisten Menschen geht es besser, wenn sie das Gefühl erleben, etwas oder jemanden zu beobachten, das oder der größer ist als man selbst. Typische Beispiele wären die Alpen oder Gandhi.
Den Forschern ist es sogar gelungen, eine Rangfolge der „glücksbringenden Faktoren“ zu erstellen, wobei sie (wie bekannt aus der Arzneimittelforschung) „noch weitere Studien brauchen, um dies zu belegen“. Für mich persönlich überraschend, aber wohltuend, ist der „Gewinner“. Am meisten werden wir berührt und in „staunende Ehrfurcht“ versetzt beim Wahrnehmen von Menschen, die etwas außergewöhnlich Gutes tun – eben Gandhi, Nelson Mandela, Mutter Theresa und…nein, nicht Taylor Swift.
Die Forscher nennen diese verschiedenen Faktoren „Wunder des Lebens“ und die Gruppe umfasst neben bewundernswert guten Personen eben gemeinsame, stark verbindende Aktivitäten, z.B. Tanzen, religiöse Veranstaltungen. Aber auch unter Zuschauern, speziell Fangruppen, beim Fussball oder gemeinsamen Arbeiten für ein bestimmtes, gutes Ziel. („Hallo Vorstand: Ihr dürft euch von uns mit „Staunender Ehrfurcht“ beobachtet fühlen und darüber froh und stolz sein!“)
Natürlich gehört die Natur, besonders großartige Natur, dazu. Musik auch – sicherlich mehr, wenn man selber zusammen mit anderen musiziert oder singt. Vermutlich gehört Taylor Swift hierher; persönlich wäre es mir ein Gräuel, zusammen mit tausenden Menschen stehend einem Konzert zu folgen, aber das „Glücksflow-Erlebnis“ haben bestimmt viele „Swifties“ – Menschen sind eben verschieden. Danach folgen „Visuelle Schönheit“, z.B. Kunst oder Architektur, „Spiritualität“ – dieser Begriff zielt auf den einzelnen Menschen und nicht wie vorher erwähnt „gemeinsame, religiöse Erlebnisse“ – „Geschichten von Leben und Tod“ sowie „Offenbarungen.“ (In unserem Teil der Welt lehnen die meisten von uns „Offenbarungen“ ab, aber wir sind tatsächlich nicht das Zentrum der Welt und es gibt andere Auffassungen des Lebens und des Universums.)
Das Beste kommt zum Schluss: Es ist für jeden von uns mit relativ wenig Einsatz möglich, seine Fähigkeit zu „staunender Ehrfurcht“ zu trainieren und es ist bereits nachgewiesen, der Trainingseffekt verstärkt sich eher mit der Zeit von selbst als umgekehrt. Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, können wir sogar diese Fähigkeit allmählich internalisieren.
Das Training ist ganz simpel, wobei manch Ataxler auf Rollstuhl oder Rollator zurückgreifen muss. Man fängt damit an, jeden Tag einen Spaziergang zu machen und bewusst wahrzunehmen. Jedes Mal, wenn einem etwas Schönes begegnet, seien es blühende Frühlingssträucher oder spielenden Kinder, ein schöner Park oder ein nettes Haus. Kann man aufgrund der Erkrankung oder eines anderen Übels das Haus nicht verlassen, kann man sich zum Beispiel vornehmen, jeden Tag schöne Musik zu hören. Hoffentlich fällt jedem von Ihnen irgendeine Möglichkeit ein. Wenn nicht sofort, empfehle ich, mit guten Freunden oder anderen über dieses Artikelchen zu reden, denn gemeinsam ist man eben nicht nur stärker, sondern auch glücklicher.
P.S. In dem Moment des Beendens dieses Textes trudelte eine Mail von der ACHSE ein; ich zitiere:
„Heute, auf den Tag genau vor 20 Jahren, also am 01. März 2005, hat Eva Luise Köhler, damalige First Lady, die Schirmherrschaft unserer noch jungen Organisation übernommen. Wir möchten uns von Herzen bedanken: Für das Ausrufezeichen, das Eva Luise Köhler durch ihr fortwährendes, herausragendes Engagement für Menschen mit Seltenen Erkrankungen gesetzt hat.“
Ich bin nahe am Wasser gebaut, mir kommen die Tränen; also: Es funktioniert!
Auch wir bei der DHAG bedanken uns bei Frau Köhler für ihren unermüdlichen Einsatz für uns, siehe auch (https://www.achse-online.de/de/Aktuelles/2025/0301-20-Jahre-Schirmherrschaft-Eva-Luise-Koehler.php)
Gurli Jacobsen