Mein Name ist Eva Klupsch und ich bin 50 Jahre alt. Ich wohne in einer Kleinstadt in Mitteldeutschland (Sachsen–Anhalt).
Ich möchte euch meine Geschichte erzählen.
Vom Verlust der Selbstständigkeit und dem Zurückholen!
Im Juni 2022 begann meine Leidensgeschichte. Ich kam ins Krankenhaus, da ich nicht mehr richtig laufen konnte und noch einige weitere gesundheitliche Probleme hatte.
Bereits nach einigen Tagen musste ich erkennen, dass ich komplett neben meiner bisherigen Lebensspur stand. Jeder Versuch, dorthin zurückzukehren, scheiterte anfangs. Ich wurde mit Begriffen wie z. B. Ataxie, Kleinhirn, Gleichgewichtsstörung, Nystagmus und vielem mehr konfrontiert und war verzweifelt. Ich dachte, was passiert hier mit mir? Ich fand zu diesem Zeitpunkt keine Antworten. So ergab ich mich erst mal meinem Schicksal. Ich dachte, nach der im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt stattfindenden und sechs Wochen dauernden Anschlussheilbehandlung wird wieder alles gut sein. Das wurde es jedoch nicht.
Sechs Monate nach der Anschlussheilbehandlung fand eine weitere fünfwöchige medizinische Reha statt. Mein Ziel war es, wieder wenigstens vier Stunden arbeiten zu können und eine Teilrente zu erhalten. Leider legte mir mein Neurologe im April 2023 nahe, eine EU-Rente zu beantragen. Selbst nur vier Stunden täglich zu arbeiten, würde für mich - aufgrund meiner derzeitigen gesundheitlichen Situation und deren Prognose - nicht mehr infrage kommen. Das war ein derber Schlag für mich. Wurde mir doch nun mitgeteilt, dass ich ernsthaft erkrankt bin. Warum ausgerechnet ich? Über den Sommer 2023 fand ich mich so leidlich mit meiner Situation ab. Ich ging regelmäßig zu allen Therapien, ins Fitnessstudio und zur Psychotherapeutin. Der Verlust meiner geliebten beruflichen Tätigkeit als rechtliche Betreuerin schmerzte sehr. Schließlich habe ich meine Arbeit geliebt und gelebt. Im September 2023 war ich routinemäßig wieder stationär in der Klinik. Es wurde mit einer Infusionstherapie begonnen. Ziel war es, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
Seit Beginn meiner Erkrankung im Juni 2022 konnte ich zudem kein Auto mehr fahren. Die Konzentration, die Aufmerksamkeit und die Koordination, um sicher am Straßenverkehr teilzunehmen, war bei mir nicht mehr gegeben. Das habe ich damals bereits als Beifahrer gemerkt. Da die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bei uns nicht flächendeckend gegeben ist, bedeutete dies für mich eine extreme Einschränkung meiner Mobilität.
Nichtsdestotrotz fragte ich im September 2023 meinen Neurologen frei heraus, ab wann ich wieder Auto fahren könnte. Ich dachte, er kippt aus den Schuhen. Ganz entgeistert, mit fester Stimme und großen Augen sagte er mir „So gar nicht mehr!“ „Wie dann?“ fragte ich. Seine Antwort: „Na ja, wenn, dann nur mit Handgas.“ Anschließend erklärte er kurz das System „Handgas“ und deren Funktionsweise. Nachdem ich aus der Klinik entlassen wurde, fuhren mein Mann und ich zu einer Werkstatt, die sich auf den behindertengerechten Umbau von Autos spezialisiert hat. Vor Ort schilderten wir unser Anliegen und fragten, wann wir das Auto zum Umbau vorbeibringen können. Wieder wurde ich mit großen Augen und entgeistertem Blick angeschaut. Mir wurde erklärt, dass dies so ohne Weiteres nicht möglich ist und ich mich wegen des Umbaus an unser zuständiges Straßenverkehrsamt wenden soll. Dort würde man mit mir das genaue Vorgehen besprechen. Am nächsten Tag habe ich sofort bei unserem Straßenverkehrsamt angerufen und um einen Termin gebeten. Eine Woche später war ich dort.
Die Mitarbeiterin erklärte mir nun ganz genau das weitere Vorgehen. Zuerst müsse eine medizinische Untersuchung von der DEKRA durchgeführt werden. Durch diese würde festgestellt und per Gutachten bescheinigt, dass ich körperlich in der Lage sei, ein Auto mit Handgas zu fahren. Wenn die Bestätigung und das medizinische Gutachten der DEKRA vorlägen, könne ich mir eine Fahrschule suchen, die auch die fahrtechnische Prüfung durch die DEKRA vorbereitet. In der Prüfung müsse ich dann nachweisen, dass ich das Fahren mit Handgas im Straßenverkehr in allen wichtigen Situationen beherrsche. Nach bestandener Fahrprüfung erstelle die DEKRA nochmals ein Gutachten. Erst mit diesem Gutachten dürfe ich dann die Werkstatt mit dem behindertengerechten Umbau meines Autos beauftragen. Das alles auf eigene Kosten!
Sprachlos, niedergeschlagen, wütend und traurig bin ich nach dem Gespräch mit dem Bus nach Hause gefahren und habe erst einmal geweint. Am nächsten Tag hieß es dann aber ANPACKEN! Mein Mann hat mir gesagt, wir machen das. Du schaffst das. Punkt. Das war im September 2023. Im Februar 2024 hatte ich dann endlich meinen Termin bei der DEKRA für das medizinische Gutachten. Die Gutachterin teilte mir noch vor Ort mit, dass das Gutachten positiv ausfallen wird. Mir wird mit dem Gutachten die Fähigkeit entsprechend bescheinigt. Dann hieß es erst einmal Warten auf das schriftliche Gutachten. Nach ca. drei Wochen erhielt ich es und konnte mich somit auf Fahrschulsuche begeben. Ich fand im 30 km entfernten Halle (Saale) eine Fahrschule, die ein derart umgebautes Auto besitzt. Dort konnte ich Fahrstunden nehmen und mich somit auf das fahrtechnische Gutachten vorbereiten. Leider dauerte es wieder fast acht Wochen, bevor ich mit den Fahrstunden anfangen konnte. Aber dann ging es endlich los. Sechs Wochen (Mitte Juni 2024) nach der ersten Fahrstunde war ich bereit für die Fahrprüfung. Diese war sehr aufregend für mich. Meine ATAXIE zeigte mir während der Prüfung so richtig, was sie kann. Aber was soll ich sagen: BESTANDEN.
Dann endlich - im Juli 2024 - konnte ich bei der Kfz-Werkstatt einen Termin für den Umbau vereinbaren. Mitte August 2024 war es so weit. Meine „Ursula“, so haben wir mein Auto getauft, war endlich auf Handgas umgebaut.
Leider konnte ich nach dem Umbau nicht gleich mit „Ursula“ losfahren. Es fehlte noch ein letztes wichtiges Detail. Der „richtige Führerschein“. Ein Auto mit Handgas darf man in Deutschland nur fahren, wenn dies explizit im Führerschein vermerkt ist. Also hieß es noch mal warten. Aber zwei Wochen später - Ende August 2024 - erhielt ich meinen neuen Führerschein und konnte nach über zwei Jahren Abstinenz endlich wieder selbst Auto fahren.
Ich hatte meine Selbstständigkeit zurück und war endlich wieder mobil! Lasst euch sagen: Kämpft! Das Leben ist nicht immer fair zu einem! Aber kämpft!
Jeder hat sich seine Krankheit nicht selbst ausgesucht. Die Krankheit hat sich euch ausgesucht. Ich sage aber immer „Nicht ich muss mit der Krankheit leben, sondern die Krankheit muss mit mir leben.“
In diesem Sinne: Bleibt stark und zuversichtlich!
Eure Eva Klupsch
Sandersdorf-Brehna, im März 2025