22.11.2008
Bei den autosomal-dominanten Ataxien wird die krankheitsverursachende Erbanlage mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an die Kinder vererbt. Daher lässt sich in der Familiengeschichte meist ermitteln, dass eine Ataxieerkrankung auch schon in früheren Generationen aufgetreten ist. Allerdings kann der Erkrankungsbeginn z. T. so stark variieren, dass ein Kind bereits erkrankt ist, während der vererbende Elternteil noch gesund ist. Auch kann das Krankheitsbild selbst innerhalb einer Familie so unterschiedlich sein, dass erst die genetische Untersuchung zeigt, dass es sich um dieselbe Erkrankung handelt.
Traditionell wurden die autosomal-dominanten Ataxien nach neuropathologischen Kriterien in eine Gruppe mit ausschließlicher Kleinhirnrindenatrophie (rein zerebelläre Ataxie, Typ Holms) und eine Gruppe mit olivo-ponto-zerebellärer Ataxie (Typ Menzel), bei der auch der Hirnstamm betroffen ist, unterteilt. In den 1980er Jahren teilte Anita Harding die autosomal-dominanten zerebellären Ataxien (ADCA) nach den klinischen Symptomen in drei Unterformen ein:
Bei der ADCA Typ I können neben der Ataxie vielfältige zusätzliche Symptome, wie eine Degeneration der Sehnerven (Opticusatrophie), Schluckstörung (Dysphagie), Spastik mit Steifigkeit und gesteigerten Reflexen, parkinsonähnliche Symptome (Akinese, Rigor), Blasenfunktionsstörungen, Gefühlsstörungen, Missempfindungen, Muskelkrämpfe oder Muskelschwund und in seltenen Fällen auch ein Nachlassen der geistigen Kräfte (Demenz) auftreten.
Die ADCA Typ II ist gekennzeichnet durch eine Kombination von Ataxie mit Augenhintergrundveränderungen (Retinadegeneration), die zu einer Sehverschlechterung bis zur Erblindung führen können.
Bei der ADCA Typ III treten nur Kleinhirnsymptome in Form von Gangunsicherheit, Ataxie von Armen und Beinen, Sprechstörung und für Kleinhirnerkrankungen typische Augenbewegungsstörungen auf.
Heutzutage werden die meisten dominanten Ataxien nach der genetischen Nomenklatur als spinozerebelläre Ataxien (SCA) bezeichnet. Bei den SCAs werden inzwischen über 30 genetische Unterformen unterschieden. Diese sind in der Tabelle aufgeführt. Für 12 Unterformen wurden das betroffene Gen und die ursächliche Mutation identifiziert.
Die Häufigkeit der spinozerebellären Ataxien beträgt in Mitteleuropa 2-3 : 100.000 Einwohner. Davon entfallen etwa 70 Prozent auf die Unterformen SCA1, SCA2, SCA3, SCA6, SCA7 und SCA17. Die Häufigkeiten der einzelnen Unterformen wechseln je nach Land bzw. Region sehr stark.
Für diese häufigen SCA-Erkrankungen sind molekulargenetische Untersuchungen verfügbar, die die Diagnose eindeutig sichern oder ausschließen. Alle anderen SCA-Formen sind sehr selten und kommen nur in einzelnen Familien vor.
Der SCA1, SCA2, SCA3, SCA6, SCA7 und SCA17 liegt der gleiche Mutationsmechanismus zugrunde. In allen diesen Genen findet sich ein Block, in dem die drei Nukleotidbasenpaare Cytosin, Adenin und Guanin (CAG) sich wiederholend hintereinander stehen (CAG-CAG-CAG-CAG-CAG...). Wenn diese CAG-Wiederholungen oder CAG-Repeats vermehrt sind, kommt es zur Erkrankung. Auf der Eiweißebene führt diese CAG-Repeatverlängerung zur Bildung von verlängerten Ketten der Aminosäure Glutamin (sog. Polyglutamin). Wie diese verlängerten Polyglutaminketten zur Schädigung der Nervenzellen und damit zur Ataxie führen, ist gegenwärtig Gegenstand intensiver Forschungsbemühungen.
Trotz großer Fortschritte im Verständnis der Genetik der spinozerebellären Ataxien gibt es bisher keine Therapie, die das Auftreten der Erkrankung verhindern kann. Wichtigste Maßnahme ist die regelmäßige Physiotherapie mit Krankengymnastik, Logopädie und Ergotherapie. Darüber hinaus lassen sich einzelne Symptome, wie ein Restless-legs-Syndrom (Missempfindungen und Unruhe in den Beinen, besonders in Ruhe und bei Müdigkeit), Spastik, rigide Muskelsteifigkeit, Muskelkrämpfe, Blasenentleerungsstörungen und Potenzstörungen symptomatisch behandeln. Die Wirkung „antiataktischer“ Medikamente ist fraglich.
| Subtyp | chromosomale Lage | Gen | Pathomechanismus | Phänotyp |
| SCA1 | 6p23 | Ataxin-1 | (CAG) > 38 | ADCA I |
| SCA2 | 12q24.1 | Ataxin-2 | (CAG) > 32 | ADCA I |
| SCA3 | 14q24.3-q31 | Ataxin-3 | (CAG) > 54 | ADCA I |
| SCA4 | 16q22.1 | ADCA I+III | ||
| SCA5 | 11q13 | SPTBN2 | Beta-III-Spectrin | ADCA III |
| SCA6 | 19q13 | CACNA1A | (CAG) > 19, P/Q-Ca-Kanal | ADCA III |
| SCA7 | 3p21.1-p12 | Ataxin-7 | (CAG) > 37 | ADCA II |
| SCA8 | 13q21 | Ataxin-8? | (CTG)107-127 in 3’UTR? RNS-Bearbeitung? | ADCA II |
| SCA9 | Genort reserviert | |||
| SCA10 | 22q13 | Ataxin-10 | (ATTCT)>550 in Intron 9 | ADCA I+III |
| SCA11 | 15q15.2 | Tau-Tubulin-Kinase 2 | Phosphorylierung | ADCA III |
| SCA12 | 5q31-33 | PP2A-PR55ß | (CAG) > 165 in 5’-UTR | ADCA I |
| SCA13 | 19q13.3-q13.4 | KCNC3 | Kaliumionenkanal | ADCA I |
| SCA14 | 19q13.4-qter | PKC | Proteinkinase C | ADCA III |
| SCA15 | 3p26.1-p25.3 | ADCA III | ||
| SCA16 | 8q | ADCA III | ||
| SCA17 | 6q27 | TATA-BP | Transkriptionsfaktor | ADCA I |
| SCA18 | 7q22-q23 | SMNA | ADCA I | |
| SCA19 | 1p21-q21 | ADCA I | ||
| SCA20 | 11p13-q11 | ADCA III? | ||
| SCA21 | 7p | ADCA I | ||
| SCA22 | 1p | ADCA III? | ||
| SCA23 | 20p13-p12.3 | ADCA I | ||
| SCA24 | ADCA I | |||
| SCA25 | 2p21-p13 | ADCA I | ||
| SCA26 | 19p13.3 | ADCA III | ||
| SCA27 | 13q34 | FGF-14 | Fibroblastenwachstumsfaktor | ADCA I |
| SCA28 | 18p11.22-q11.2 | ADCA I | ||
| SCA29 | 3p26 | CLA4 | ||
| DRPLA | 12p13 | Atrophin-1 | (CAG) > 49 | ADCA I |
Autoren: Ludger Schöls, Friedmar R. Kreuz