18.05.2007
von Prof. Dr. Christine Zühlke
Institut für Humangenetik, Lübeck
Obwohl die genetisch bedingten Ataxien recht seltene Erkrankungen sind, werden immer neue Veränderungen (Mutationen) gefunden, die zum Auftreten dieser Erkrankungen führen. Zurzeit können mindestens 26 spinocerebelläre Ataxien (SCA) genetisch voneinander abgegrenzt werden. Für einige davon, z. B. die SCA1 oder die SCA3, ist sowohl der Ort der Mutation als auch die Mutation selbst bekannt. Es fehlen jedoch Informationen über die Aufgaben/ Funktionen des Wildtyp- bzw. veränderten Proteins. Bei anderen Ataxien, z. B. bei der SCA11, ist uns lediglich bekannt, wo die genetische Veränderung liegen müßte, der ursächliche Gendefekt ist jedoch noch nicht identifi ziert. Im Vergleich dazu gibt es umfangreiche Informationen zur SCA17, die erstmals 1999 beschrieben (wenn auch noch nicht so benannt) wurde. Die SCA17 wird autosomal dominant vererbt, d. h. betroffene Personen können die Anlage für die Erkrankung an ihre Kinder weitergeben. Die Wahrscheinlichkeit, den Gendefekt zu erben, beträgt dabei für jeden Nachkommen 50 %. Erste Symptone können in der Kindheit, der Jugend oder im Erwachsenenalter sichtbar werden. Auffällig ist eine Bewegungsstörung, die im Verlauf der Erkrankung stärker wird und die nach Jahren zum Verlust der Gehfähigkeit führt. Im Gegensatz zu anderen Ataxieformen ist die SCA17 oft von einem intellektuellen Abbau begleitet. Psychiatrische Symptome oder Demenz werden bei ca. 75 % der Patienten sichtbar. Parkinson- oder Chorea-artige Symptome werden ebenfalls (jedoch seltener) angetroffen. So können sich im Erscheinungsbild z.B. die SCA17 und die Chorea Huntington ähneln. Eine sichere Differenzierung zwischen diesen Krankheitsbildern erfolgt mit Hilfe einer molekulargenetischen Untersuchung. Das bei der SCA17 veränderte Protein ist das sog. TATA-Box-bindende Protein (TBP), das lange bekannt und gut untersucht ist. Es sitzt im Kern einer jeden Zelle und ist essentiell für deren Funktion. Als sog. „Transkriptionsfaktor“ ist es daran beteiligt, den „Bauplan“ für alle Proteine abzuschreiben (zu transkribieren). Dieser universelle Transkriptionsfaktor wird in allen menschlichen, tierischen und auch pfl anzlichen Zellen benötigt. Auf molekulargenetischer Ebene wurde im TBPGen, das auf Chromosom 6 des Menschen liegt, ein komplex zusammengesetztes Motiv aus CAG-CAAElementen gefunden. Die Anzahl dieser CAG- und CAA-Bausteine (Trinukleotide) ist entscheidend für das Auftreten einer SCA17. Molekulardiagnostische Verfahren erlauben eine relativ sichere Bestimmung der Trinukleotidanzahl. Personen mit 25-42 Trinukleotiden werden nicht von der Ataxie betroffen sein (Beispiel: (CAG)3 (CAA)3 (CAG)9 CAA CAG CAA (CAG)10 CAA CAG bedeutet 30 Trinukleotide, d. h. kein Risiko für SCA17). Personen mit 49 oder mehr CAG-CAA-Bausteinen sind von der SCA17 betroffen.
Es können mehr als 60 dieser Trinukleotide im TBPGen vorhanden sein. Dabei zeigt sich eine inverse Korrelation: Je höher die Anzahl dieser Trinukleotide ist, desto eher wird die betroffene Person Symptome entwickeln. Die Trinukleotidanzahl verhält sich im Wesentlichen umgekehrt proportional zum Erkrankungsalter und zum klinischen Verlauf. Dennoch ist es nicht möglich für eine bestimmte Konstellation vorherzusagen, wann die entsprechende Person erkranken wird, da zahlreiche weitere Faktoren das Erkrankungsalter beeinflussen. Obwohl die SCA17 - ebenso wie die anderen SCAs - ursächlich nicht therapierbar ist, können Erkrankte Neurologen aufsuchen, um einzelne Symptome behandeln zu lassen. Betroffene werden beispielsweise in den neurologischen Kliniken in Lübeck, Rostock, Bonn und Tübingen betreut. Die SCA17 wurde in Deutschland bei mehr als 10 Familien festgestellt Ob sie auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sind, wird noch geprüft. An vielen Orten haben Patienten mit SCA17 (aber auch mit anderen Ataxieformen) an klinischen und genetischen Forschungsprojekten teilgenommen. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Betroffenen und ihren Familien für die kontinuierliche Unterstützung unserer Arbeiten und die Teilnahme an Informationsveranstaltungen
bedanken. Bitte stellen Sie sich auch in Zukunft für Untersuchungen an unseren Universitäten zur Verfügung. Als Angehörige von Betroffenen können Sie sich auch im Rahmen einer humangenetischen Beratung über die Erkrankung und die diagnostischen Möglichkeiten informieren.